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Damour

Als 1982 die israelische Armee nach Beirut vorrückte, um die PLO-Kader zu vertreiben, wurde die Zerstörung des libanesischen Städtchens Damour den Israelis angelastet. Bei höherer Auflösung der Bilder hätte man auf den Ruinen kleine Sträucher ausmachen können. Das Städtchen war schon 1976 von der PLO zerstört worden (PLO-Kämpfer hatten sich nach der Niederschlagung des Aufstands gegen König Hussein im sog. Schwarzen September 1970 im Libanon niedergelassen).

Das Massaker in Damour und die Zerstörung der Stadt

Damour lag an der Schnellstrasse Sidon-Beirut ca. 20 km südlich von Beirut an den Hängen des Libanon Vorgebirges. Auf der anderen Seite der Strasse, hinter einem Streifen flachen Küstenlandes, liegt das Meer. Die Stadt hatte 25 000 Einwohner, fünf Kirchen, drei Kapellen, sieben Schulen, private wie öffentliche, und ein öffentliches Krankenhaus, in dem Muslime wie Christen aus den umliegenden Dörfern auf städtische Kosten behandelt wurden.

Am 9. Januar 1976, drei Tage nach Epiphanias, war der Priester von Damour, Vater Mansour Labaky unterwegs, um nach maronitischem Brauch die Häuser mit heiligem Wasser zu segnen. Als er vor einem Haus am Stadtrand stand, nächst dem muslimischen Dorf Harat Na'ami, zischte eine Kugel an seinem Ohr vorbei und schlug in das Haus. Dann hörte er das Rattern von Maschinengewehren. Er ging ins Haus und begriff bald, dass die Stadt eingekesselt war. Später fand er heraus, von wem und wieviele es waren - die Truppen von Sa'iqa mit 16 000 Palästinensern und Syrern, Einheiten von Mourabitoun und von etwa fünfzehn anderen Milizen, verstärkt durch Söldner aus dem Iran, aus Afghanistan, Pakistan und einem Kontingent aus Lybien.

Vater Labaky rief den Muslim und Sheikh des Distrikts an und bat ihn als religiösen Leiter und Partner, den Menschen in der Stadt zu helfen. 'Ich kann nichts tun', wurde er belehrt, 'Sie haben es auf sie abgesehen. Es sind die Palästinenser. Ich vermag sie nicht aufzuhalten.'

Als die Schüsse und Granateinschläge den ganzen Tag über anhielten, führte Vater Labaky Telefon­gespräche, es war eine lange Liste, mit Politikern der Linken und der Rechten und bat um Beistand. Sie entschuldigten sich alle und bedauerten, dass sie nichts tun könnten. Darauf rief er Kamal Jumblatt an, in dessen Wahlkreis Damour lag. 'Vater' sagte Jumblatt, 'ich kann nichts für Sie tun, dernn dafür ist Arafat zuständig.' Er gab dem Priester Arafat's Telefonnummer. Jemand anders war am Apparat und als dieser Arafat nicht rufen wollte, sagte er ihm, 'Die Palästinenser beschiessen meine Stadt. Ich kann ihnen als religiöser Leiter versichern: wir wollen keinen Krieg, wir glauben nicht an Gewalt.' Er fügte hinzu, dass fast die Hälfte der Bürger Damours Jumblatt gewählt hätten, 'der euch ja unterstützt', erinnerte er den PLO Mann. Die Antwort war. 'Vater, seien Sie unbesorgt. Wir wollen euch nichts tun. Wenn wir euch zerstören, dann nur aus strategischen Gründen.'

Vater Labaky war deswegen nicht weniger beunruhigt, weil die Zerstörung nur aus strategischen Gründen geschehe und bestand darauf, Arafat aufzuforden, seine Kämpfer zurückzurufen. Schliesslich sagte der Mann am Telefon dass das Hauotquartier der PLO 'ihnen sagen würde, mit dem Schiessen aufzuhören'. Als die Zeit verstrich und das Schiessen weiterging, inzwischen waren es 23 Uhr geworden, rief Vater Labaky Jumblatt nochmal an und erzählte ihm, was der Mann anArafat's Telefon ihm gesagt hatte. Jumblatt's Rat war, dass der Priester weiter versuchen sollte, Arafat zu erreichen und dies auch über andere seiner Freunde versuchen sollte, 'denn', so sagte er; 'ich traue dem Mann nicht.'

Gegen 23:30 Uhr waren Telefon, Wasser und Strom unterbrochen. Die erste Invasion der Stadt geschah nach Mitternacht von der Seite, von welcher der Priester zuvor beschossen worden war. Die Sa'iqa Männer stürmten in die Häuser. Sie massakrierten etwa 50 Menschen in der ersten Nacht. Vater Labaky hörte Schreie und ging auf die Strasse. Frauen liefen zu ihm hin in ihren Nachthemden, 'rauften sich das Haar und schrien „Sie schlachten uns ab!“ Die Überlebenden, die aus diesem Teil der Stadt flohen, zogen in die Umgebung der nächsten Kirche. Die Invasoren besetzten dann diesen Teil der Stadt. Vater Labaky beschreibt die Szene:

'Am Morgen gelang es mir unter Granatbeschuss zu einem Haus zu gelangen und einige Leichen heraus-zutragen. Und ich erinnere mich an das Schreckliche. Die ganze Familie war ermordet worden, die Can'an Familie, die vier Kinder waren tot, derVater, die Mutter und der Grossvater. Die Mutter umarmte noch eines der Kinder. Und sie war schwanger. Die Augen der Kinder waren weg und ihre Gliedmassen waren abgeschnitten. Keine Beine und keine Arme. Es war schrecklich. Wir schafften sie weg in einem Wagen für Bananen. Und wer half mir die Leichen tragen? Es war Samir Can'an. Er trug mit mir die Überreste seines Bruders, seines Vater, seiner Schwägerin und die der armen Kinder. Wir begruben sie unter dem Granatbeschuss der PLO. Und während ich sie begrub, kamen noch mehr Leichen auf der Strasse zu liegen.'

Die Stadt versuchte sich zu verteidigen. 225 junge Männer, viele von ihnen um die 16 Jahre alt, bewaffnet mit Jagdgewehren, keiner hatte eine militärische Ausbildung, hielten 12 Tage stand. Die Menschen waren in den Kellern zusammengedrängt, die Türen und Kellerfenster mit Sandsäcken verbarrikadiert. Vater Labaky ging von Keller zu Keller und versorgte die Familien mit Brot und Milch. Er ging öfter 'den jungen Männern Mut zu machen, welche die Stadt verteidigten'. Die Stadt erlitt grosse Schäden. Während der Belagerung seit dem 9. Januar hatten die Palästinenser nicht nur die Versorgung mit Wasser und mit Lebensmitteln unterbunden, sie liessen auch das Rote Kreuz nicht die Verwundeten aus der Stadt schaffen.

Kleinkinder und Kinder starben an Dehydration. Nur drei weitere Bewohner wurden nach der ersten Nacht bis zum 23. Januar, dem letzten Tag der Belagerung, durch den Beschuss getötet. Aber an diesem Tag kam der Schlussangriff und Hunderte von Christen wurden ermordet. Vater Labaky fährt fort: Der Angriff kam vom Berg oberhalb der Stadt. Es war die Apokalypse. Sie kamen, Tausende und abermal Tausende, sie riefen 'Allahu Akbar! [Allah ist grösser!]. Lasst sie uns für die Araber angreifen, lasst sie uns als Holocaust für Mohammed darbringen.' Und sie schlachteten jeden ab, auf den sie trafen, Männer , Frauen und Kinder.'

Ganze Familien wurden in ihren Häusern ermordet. Viele Frauen wurden von Banden vergewaltigt und wenige von ihnen überlebten. Eine Frau rettete ihre heranwachsende Tochter vor der Vergewaltigung, indem sie ihr das Gesicht mit blauer Farbe einschmierte, was eine abschreckend Wirkung hatte. Nach diesen Scheusslichkeiten machten die Invasoren Aufnahmen und boten die Bilder europäischen Zeitungen zum Kauf an. Überlebende bezeugen, was geschehen war. Ein sechzehnjähriges Mädchen, Soumavya Ghanimeh, erlebte die Erschiessung ihres Vaters und Bruders durch zwei der Invasoren und sieht wie ihr Haus und die anderen Häuser in der Strasse geplündert und angezündet werden. Sie erklärt: 'Als sie mich durch die Strasse brachten, brannten die Häuser um mich herum. Etwa zehn Lastwagen standen vor den Häusern, auf welche sie Sachen stapelten. Ich erinnere mich, in welchen Schrecken mich das Feuer versetzt hatte. Ich schrie. Und noch Monate später konnte ich es nicht ertragen, wenn jemand neben mir ein Streichholz anzündete. Ich konnte den Geruch nicht ertragen.

Sie und ihre Mutter Mariam, ihre jüngere Schwester und der kleine Bruder wurden nicht in ihrem Haus erschossen, weil sie einem Palestinenser hinterher rannte und schrie: 'Lass nicht zu, dass sie uns töten!' Und dieser Mann akzeptierte die Rolle des Beschützers, die das Mädchen ihm so plötzlich übertragen hatte. 'Wenn ihr sie tötet, müsst ihr mich auch töten, sagte er zu seinem Kameraden. So blieben die vier verschont, wurden durch die Strassen getrieben und auf einem Lastwagen in das Lager Sabra nach Beirut gebracht. Sie kamen in eine überfüllte, als Gefängnis dienende Hütte. 'Wir mussten auf dem Boden schlafen und es war bitter kalt.' Als Vater Labaky auf die verkohlten Leichname des Vaters und des Bruders in dem Haus der Ghanimed stiess, 'konnte man nicht mehr sagen, o es sich um Männer oder Frauen handelte'.

In dem Rausch, ihre Feinde gänzlich zu vernichten, als ob die Natur sie nicht aufhalten könnte, brachen die Invasoren die Gräber auf und schleuderten die Gebeine der Toten auf die Strassen. Die der ersten Attacke entkamen, versuchten irgenwie zu fliehen, mit Autos, mit Karren, mit Fahrrädern, mit Motorrädern. Manche gingen zu Fuss zum Strand um in einem Boot zu entkommen. Aber die See war rauh und Rettung liess lange auf sich warten, währendessen man damit rechnen musste, dass die Feinde jeden Augenblick über einen herfallen konnten. Etwa 500 Menschen hatten sich in der Kirche von St. Elias versammelt. Vater Labaky ging dorthin um sechs Uhr in der Frühe, er war wach geworden durch den Tumult und die Attacke. Er hielt eine Predigt über das Abschlachten Unschuldiger. Und er sagte ihnen frei heraus, dass er nicht wüsste, wozu er ihnen raten sollte. 'Wenn ich sage: flieht zum Meer, könnt ihr getötet werden. Wenn ich sage: bleibt hier, könnt ihr getötet werden.'

Ein alter Mann meinte, man sollte eine weisse Fahne hissen. 'Wenn wir uns ergeben, werden sie uns vielleicht verschonen.' Vater Labaky gab ihm seine Stola. Er heftete sie auf das Prozessionskreuz und stellte sich vor die Kirche. Zehn Minuten später klopfte es an die Tür, drei kurze Schläge, dann dreimal drei. Sie waren wie versteinert. Vater Labaky sagte, er werde nachsehen, wer da sei. Waren es die Feinde, sie mochten sie verschonen. 'Aber wenn sie uns töten, werden wir wenigstens zusammen sterben und wir werden einen schönen Pfarrbezirk im Himmel haben, 500 Personen, und keine Checkpoints! Sie lachten und der Priester ging zur Tür. Es war nicht der Feind sondern zwei Männer aus Damour, die der Stadt entkommen waren und vom Strand her die weisse Fahne gesehen hatten. Sie waren gekommen um uns zu warnen, die weisse Fahne würde uns nicht helfen. 'Wir hissten eine Fahne vor 'Unserer Frau' und sie schossen auf uns.

Wieder diskutierten sie darüber, was zu tun sei. Der Priester sagte, dass sie auf jeden Fall eines tun müssten, auch wenn es 'unmöglich' sei, nämlich um Vergebung für die zu bitten, die gekommen seien, um sie zu töten. Während sie beteten, kamen zwei der jugendlichen Verteidiger der Stadt, die die weisse Fahne gesehen hatten, herein und sagten 'Lauft jetzt an den Strand und wir werden euch Deckung geben.

Die beiden Jungens stellten sich vor die Kirche und schossen in die Richtung, aus der die Fedayeen feuerten. Es dauerte zehn Minuten, bis all die Menschen in der Kirche die Stadt verlassen hatten. Alle 500 schafften es bis auf einen alten Mann, der sagte, er könne nicht gehen und wolle lieber vor seinem eigenen Haus sterben. Er wurde nicht getötet. Vater Labaky fand ihn Wochen später in einem PLO Gefängnis und erfuhr was geschah, nachdem sie die Kirche verlassen hatten. Wenige Minuten später 'die PLO kam und zerbombte die Kirche, ohne zuvor in sie einzutreten. Sie stiessen die Tür auf und warfen Granaten hinein.' wären sie geblieben, wären sie alle getötet worden. Der Priester führte seine Herde der Küste entlang zum Palast von Camille Chamoun. Aber als sie dort ankamen, sahen sie dass dieser geplündert und zum Teil ausgebrannt war. Sie fanden Unterkunft im Palast eines Muslim, 'der nicht mit denPalästinensern übereinstimmte', und dann bekamen sie kleine Boote, die sie zu einem grösseren (Segel)Schiff brachten, mit welchem sie nach Jounieh gelangten. 'Eine arme Frau brachte in einem kleinen offenen Boot auf rauher Wintersee ein Kind zur Welt.'

Insgesamt wurden bei der Erstürmung Damours 582 Menschen getötet. Vater Labaky kam mit dem Roten Kreuz zurück, um sie zu begraben. Viele der Leichname waren ohne Glieder, sodass sie die Köpfe zählen mussten um die Zahl der Getöteten zu ermitteln. Drei Männern waren die Genitalien abgeschnitten und in den Mund gestopft.

Das war noch nicht das Ende des Schrecklichen. Der alte Christliche Friedhof war zerstört, Särge waren ausgegraben, die Toten ausgeraubt, Gruftkammern waren geöffnet und die Leichen und Skelette über dem Friedhof zerstreut.

Damour wurde dann zu einer Festung für die Fatah und die PFLP (Popular Front for the Liberation of Palestine). Die Ruinenstadt wurde zu einem der wichtigsten Zentren der PLO zur Förderung des inter­nationalen Terrorismus. Die St. Elias Kirche diente als Reparaturwerkstätte für die Fahrzeuge der PLO und auch für Schiessübungen, wobei die Ziele auf der nach Osten gelegenen Wand des Kirchenschiffs markiert wurden.

Der Kommandant der Vereinten Streitkräfte, die am 23. Januar 1976 in Darmour eindrangen, war Zuhayr Muhsin, Chef von al-Sa'iqa, seitdaher bekannt als der 'Schlächter von Damour'. Er wurde am 15. Juli 1979 in Cannes in Südfrankreich durch ein Attentat getötet.

Quelle: Cedarland. The Lebanese Foundation for Peace (LFP) Established to promote a lasting peace between Lebanon, Israel, and Syria. Wednesday, November 07, 2001 <http://www.free-lebanon.com/cgi-bin/Ultimate.cgi>



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